Frankfurter Rundschau
Bericht über die Aktion zur Vereinheitlichung der Leserichtung auf Buchrücken.
(vollständiger Artikel: siehe unten)
Wiesbaden vor der Buchmesse: Mario Dzalto kämpft für Einheitlichkeit auf Buchrücken. Händler verbünden sich.
Gaby Buschlinger
Von wegen Sport ist Mord. Wirklich gefährlich leben Intellektuelle. Jedenfalls dann, wenn sie Bücher kaufen. Doch zum Glück gibt es Mario Dzalto, der jetzt für Ordnung auf den Buchrücken sorgen will.
Da stehen Sie vor dem Buchregal, neigen bei der Auswahl ihren Kopf vielleicht gerade nach rechts und – peng – knallt Ihr Kopf mit dem Kopf eines rechts neben ihm stehenden anderen Kunden zusammen, weil dieser seinen Kopf gerade nach links kippt. Schuld ist die uneinheitliche Leserichtung auf Buchrücken. Mal ist der Titel von oben nach unten gedruckt, mal von unten nach oben. Vor Buchregalen müssen Kunden also hin- und herwackeln wie ein Metronom und können sich schwere Schädelverletzungen zuziehen.
Meint Mario Dzalto. Und kämpft für eine einheitliche Leserichtung auf Buchrücken. Ob nun rauf oder lieber runter, das ist dem 45-Jährigen egal. „Hauptsache einheitlich“, sagt er. Und klingt dabei nicht trotzig, aber bestimmt.
Die Sache ist dem freien Kommunikationsdesigner und zweifachen Vater tatsächlich eine Herzensangelegenheit. „Klar“, räumt Dzalto ein, „klar gibt es vorrangigere Probleme auf der Welt“. Trotzdem nervt ihn dieses „Mal so, mal so“ in sämtlichen Bücherregalen seit Jahrzehnten. Ein Fall von deutschem Ordnungswahn? Das trifft auf den gebürtigen Kroaten, der erst in seinem achten Lebensjahr nach Wiesbaden gezogen ist, nicht zu.
„Als gelernter Schriftsetzer stört mich diese Uneinheitlichkeit einfach“, erklärt Dzalto. Als Lehrling habe er seine Berufsschullehrer und seinen Meister gefragt, warum im englischsprachigen Raum Buchrücken immer schön nur von oben nach unten bedruckt werden – vom Rätselheft über Ratgeber bis zum Roman – und in Deutschland nicht. „Ich war verwirrt – aber als Antwort bekam ich nur zu hören, dass es eben schon immer so gemacht worden ist.“
Derart unbefriedigt begann Dzalto, der Sache selbst auf den Grund zu gehen. Und erfuhr: Schon das Deutsche Institut für Normung (DIN) war zweimal mit einer Vereinheitlichung gescheitert – 1959 und 1977. Auch die Empfehlung des internationalen Normungsinstituts ISO im Jahr 1985, die Schrift auf Buchrücken von oben nach unten laufen zu lassen, verpuffte in Deutschland. Beide Institutionen haben aufgegeben. Dzalto nicht. Schließlich sei sogar der Krümmungsgrad einer Gurke geregelt.
Nachdem er im Freundeskreis und nach einer Umfrage viel Zuspruch für mehr Ordnung in Bücherregalen (und auf -stapeln) bekommen hat, ist er im vergangenen Jahr dann richtig aktiv geworden. Er hat Flyer verteilt, einen Aufruf gestartet, lässt im Internet abstimmen, verteilt Fragezettel und klapperte auf der Leipziger Buchmesse über 100 Verlage ab.
Mehr als 500 Leute haben bereits abgestimmt. Zwei Drittel sind für die Leserichtung von oben nach unten, ein Drittel hätte es lieber umgekehrt. Nur den Verlegern sei das Thema egal. „Die betrachten das Buch als Einzelstück.“ Auch beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels ist das Thema kein Thema, „und war es auch noch nie“, wie deren Sprecherin Claudia Paul sagt. Die Leserichtung falle unter die Gestaltungsfreiheit. Dabei ist Dzalto überzeugt, dass der Umsatz steigen würde, wären Buchrücken einheitlich beschriftet. Ohne Kopfgewackel könne ein Kunde 60 Titel pro Minute erfassen – dreimal so viel wie jetzt . Dass eine einheitliche Leserichtung zur Volksgesundheit beitrage, weil keine Gefahr der Kopf-Kollision mehr bestehe, ist natürlich augenzwinkernd gemeint. Aber all das zieht bei den Verlagen nicht. Einige haben nicht mal intern eine einheitliche Leserichtung.
Trotzdem lässt Dzalto nicht locker: Auf der Frankfurter Buchmesse will er wieder für seine Initiative werben. Ist er doch verbissen? Leiert er als nächstes einen Bürgerentscheid an? „Um Gottes Willen“, lacht er. „Es wäre einfach nur nett, mehr nicht.“
Börsenverein des Deutschen Buchhandels
Interview
(vollständiger Artikel: siehe unten)
BdDB: Wie kommt es zu dem Durcheinander?
dzzz: Diese Frage habe ich auch auf der Leipziger Buchmesse über 100 Ausstellern gestellt. Die Reaktion der Befragten war stets dieselbe: Sie griffen in ihr Regal, um zu sehen, wie es bei ihren eigenen Büchern ist. Das Ergebnis: Sogar innerhalb eines Verlages ist es oft so, dass die Leserichtung auf den Buchrücken mal von unten nach oben und mal andersherum verläuft.
Wie kommt es also zu dieser Uneinheitlichkeit?
1. Generell kann man sagen, dass im deutschsprachigen Raum traditionell die Leserichtung (meist) von unten nach oben geht.
2. Ist ein Buch im englischsprachigen Raum hergestellt und wird für den deutschen Markt adaptiert, dann verläuft die Leserichtung meistens von oben nach unten.
3. Die Normungsinstitute DIN und ISO haben im letzten Jahrhundert folgende Empfehlung veröffentlicht: Leserichtung von oben nach unten. Manche deutschen Verlage halten sich daran – nur eben nicht alle und auch diese nicht konsequent.
4. Es besteht bei den Verlagen kein Bewusstsein für dieses Thema. Jedes Buch wird als „Einzelstück“ hergestellt und naturgemäß nicht als „Bestandteil eines Bücherregals“ angesehen.BdDB: Was hat Sie dazu bewogen, jetzt zur Abstimmung aufzurufen?
dzzz: Vor einem halben Jahr habe ich gemeinsam mit meinen Kindern unseren Fernseher in den Keller verbannt. Seit dieser Zeit lesen wir viel mehr, gehen in Buchhandlungen und Büchereien. Die Folge: Stapelweise Bücher in unseren Zimmern. Die Kinder stehen vor den Büchern oder ihren Regalen und neigen den Kopf mal nach links, mal nach rechts, um die Buchrücken lesen zu können. Dabei ist mir dann das alte Thema der Buchtypografie wieder eingefallen: „Leserichtung auf Buchrücken bei gestürztem Buchtitel“. Schon als Schriftsetzerlehrling habe ich die fehlende Einheitlichkeit als „gottgegeben“ hingenommen. Heute, als Designer, weiß ich, dass man einen Missstand ansprechen muss, will man ihn beseitigen. Also, hier bin ich!
BdB: Wie ist der Response bei den Verlagen?
dzzz: Grundsätzlich reagierten die angesprochenen Verleger und Verlagsmitarbeiter sehr interessiert. Die Frage nach dem Grund der beschriebenen Uneinheitlichkeit, konnten meine Gesprächspartner nicht beantworten. Die meisten Verlage wollten das Thema nach der Messe bei ihren Herstellungsleitern ansprechen. Einige wenige sahen keinen Handlungsbedarf.
BdDB: Und was sagt der Buchhandel dazu?
dzzz: Händler wollen das „Produkt“ Buch verkaufen. Alles, was den Kauf-Entscheidungs-Prozess erleichtert, ist dem Handel willkommen. Die Händler mit denen ich gesprochen habe, nahmen sich erstaunlich viel Zeit für das Gespräch. Dabei ging es nicht nur um die Leserichtung auf Buchrücken, sondern auch um die Gesamtpräsentation der Bücher in einer Buchhandlung. Alles in allem gab es große Neugier auf dieses Thema von Seiten der Händler.
BdDB: Wie war die Reaktion der Leser?
dzzz: Ich habe Hunderte der Ihnen vorliegenden Broschüre und des Stimmzettels an Leser verteilt und bin erstaunt darüber, wie sehr die Leser eine einheitliche Leserichtung auf Buchrücken begrüßen würden. Ein paar Kommentare der Leser:
- „Schön, mehr Ordnung im Regal!“
- „Dann muss man sich nicht mehr so verbiegen.“
- „Warum ist das bei uns eigentlich nicht geregelt?“
- „Gut! Ich bin für von oben nach unten. Dann kann man auch Bücher auf einem Stapel richtig lesen.“
- „Was es nicht alles gibt!“
Mir schreiben unbekannte Menschen Briefe und bekräftigen mich in meinem „Einsatz für die einheitliche Leserichtung auf Buchrücken“.
Zusammenfassend kann man sagen:
Auf Leserseite ist eine einheitliche Leserichtung auf Buchrücken sehr willkommen. Dabei wird die Richtung „von oben nach unten“ bevorzugt. Und da sich die Buchschaffenden des Themas z. T. nicht bewusst und uneinig sind, rufe ich eben hiermit zur Abstimmung darüber auf: www.dzzz.de.
Neue Zürcher Zeitung
Bericht über “Die Zukunft des Lesens”
(vollständiger Artikel: siehe unten)
Weiterhin unsportlich
Die Zukunft des Lesens
Joachim GüntnerLesen ist ungesund. Es schadet den Augen, der Körperhaltung und dem Fluss der Säfte. Ein Sechstel der Menschheit sei kurzsichtig, schreibt Alberto Manguel; «bei den Lesern liegt dieser Anteil erheblich höher und nähert sich vierundzwanzig Prozent». Pädagogen wussten schon um 1800, dass die sitzende Tätigkeit das Blut im Unterleib stocken lässt und zu anstössigen sinnlichen Reizungen führt. Ein den modernen Orthopäden wohlbekanntes Leiden ist der Spannungskopfschmerz. Die Mediziner empfehlen Massagen und gymnastische Übungen. Gut, doch besser wäre Prophylaxe. Büchermacher waren sich der leiblichen Gefahren der Lektüre früh bewusst und suchten nach Wegen, um Leseratten zu einem Mindestmass an Bewegung zu zwingen.
Als Mittel der Wahl erwies sich die Gestaltung der Titel auf dem Bücherrücken. Das Mittelalter hatte noch nicht vor dieser Aufgabe gestanden, da damals Bücher liegend aufbewahrt wurden. Sie kehrten dem Leser den Schnitt zu, der auch den Titel trug. Erst im 16. Jahrhundert wurde es Usus, Bücher hochkant und mit dem Rücken zum Betrachter in Regalen zu horten. Für die Gestaltung des Einbands gilt seither: Am besten, der Titel steht quer auf dem Rücken, was dem nach einem Buch Suchenden eine aufrechte, unverkrampfte Haltung gestattet. Sollte es, weil der Band zu schmal und eine horizontale Beschriftung nicht möglich ist, nötig sein, den Titel der Länge nach auf den Buchrücken zu setzen, so bleiben zwei Möglichkeiten. Im angelsächsischen Sprachraum entschied man sich für Titel, die von oben nach unten laufen, im deutschen Sprachraum hielt man es umgekehrt.
Da sich in der Folge beide Praktiken mischten, steht der Leser heute vor Regalen, bei denen er den Kopf bald nach links, bald nach rechts neigen muss, um die Schrift auf dem Buchrücken zu entziffern. Das hält die Nackenmuskulatur geschmeidig, provoziert aber immer wieder den Ärger unbeweglicher Naturen. Kürzlich erreichte die NZZ ein Brief, worin ein Wiesbadener Designer um Aufmerksamkeit für seinen Kampf um einheitliche Buchrücken-Titel bat. Auf www.dzzz.de können sich ihm Interessierte anschliessen. Ziel ist, vor den Bücherregalen das gewiss lästige, aber Flexibilität verbürgende Kopfwackeln einstellen und mit sturer einseitiger Neigung des Hauptes die Reihen abschreiten zu können. Wie unsportlich.
Gesundheitspolitisch vollends bedenklich wirkt die zunehmende Verbreitung von E-Books. Hier entfällt nicht bloss die Suchbewegung vor dem Regal, sondern endlich gar der Gang dorthin. Der Leser braucht Sofa, Bett oder Schreibtisch nicht mehr zu verlassen, denn ein elektronisches Lesegerät verfügt ja, wie man weiss, auf seinem Chip über eine vielbändige Bibliothek. Was der Mensch an Bewegungsradius verliert, gewinnt das elektronische Buch. Es wird multimedial und tendenziell unendlich. Einer solchen Neuschöpfung, präsentiert als Anwendung auf einem iPad von Apple, konnte man vergangene Woche in Berlin ansichtig werden. «Libroid» hat der Erfinder sein hybrides Programm getauft. Anders als die üblichen E-Books versucht es nicht, die Typografie des gedruckten Buches nostalgisch auf dem Display zu imitieren. Bei dieser bloss noch buchartigen statt buchähnlichen App gibt es keine Seiten mehr, die sich pseudonaturalistisch am Bildschirm «umblättern» lassen, sondern nur noch einen fortlaufenden Text, gerade so, wie ihn Autoren am Computer produzieren. Der Leser blättert nicht, er scrollt, und über Ort und Fortgang seiner Lektüre informieren ihn nicht Seitenzahlen, sondern Angaben in Prozent.
Clou des Ganzen ist eine Drei-Spalten-Technologie: In der Mitte der Haupttext, links eine Spalte für Illustrationen und Fotos, die beim Antippen aufblühen, rechts eine Spalte für Fussnoten, die wie Links funktionieren. Natürlich kann man bei Bedarf auch gänzlich ins Internet hinüberwandern. Die Spalten sind miteinander verzahnt: Scrollt man die eine, laufen die andern mit, so dass sich Text und Beigaben stets auf gleicher Augenhöhe befinden. Libroide kann man individuell aktualisieren, den Umfang erweitern, und sie lassen sich, liegen Übersetzungen vor, weltweit in mehreren Sprachen gleichzeitig veröffentlichen – auch durch die Autoren selbst, die hier ihre eigenen Buchgestalter, Verleger und Händler werden. Nur drucken kann man die multimedialen Inhalte nicht, dafür aber (raub)kopieren und in Windeseile an andere iPads senden. Die «Migration ins Digitale» ist konsequent durchgeführt. Verlegern und Buchhändlern bleibt wenig zu holen. Gut möglich, dass sie die Konkurrenz ziemlich unsportlich finden werden.
BuchMarkt-Heft SPOTLIGHT
Bericht über die Aktion und Aufruf zur Abstimmung.
Hochschule RheinMain
Abstimmung bei den Studierenden im Fachbereich
Design Informatik Medien.
BuchMarkt-Website
Bericht über die Aktion und Aufruf zur Abstimmung.
Wiesbadener Kurier
Zeitung für die Landeshauptstadt Wiesbaden
Auftakt der Aktion
Leipziger Buchmesse 2010.
Die Frage nach dem Durcheinander
im Bücherregal habe ich auf der Messe
über 100 Ausstellern gestellt.Die Reaktion der Befragten war stets dieselbe:
Sie griffen in ihr Regal, um zu sehen, wie es bei ihren eigenen Büchern ist.Das Ergebnis: Sogar innerhalb eines Verlages ist es oft so, dass die Leserichtung auf den Buchrücken mal von unten nach oben und mal andersherum verläuft.
